Grafisches Ausstellungskonzept »Hexenwahn in Ellwangen«

Ausstellung „Hexenwahn in Ellwangen“

Mit der Ausstellung „Hexenwahn in Ellwangen“ ist es gelungen, ein sensibles Thema so aufzubereiten, dass historische Fakten und persönliche Schicksale gleichermaßen präsent werden.


Projekt Details


Projekt
Logo Geschichts- und Altertumsverein Ellwangen e.V.

Kunde:
Geschichts- und Altertumsverein Ellwangen e.V.

Branche:
Kultur- und Kreativwirtschaft

Credits:
Bilder: Thomas Rathgeb, Johannes Hauf

Sonderausstellung „Hexenwahn in Ellwangen“

Veranstalter:
Geschichts- und Altertumsverein Ellwangen
Idee und Gestaltung: Thomas Rathgeb
Text und Redaktion: Dr. Michael Hoffmann, Matthias Steuer, Thomas Rathgeb, Christoph Remmele, Joachim Renschler
Handwerkliche Umsetzung: Familie Rathgeb
Datenaufbearbeitung: Johannes Hauf
Grafische Gestaltung, Layout und Satz: Katrin Hauf
Danke an Gerhard Königer für die Bereitstellung der Leitern

Kontakt
Katrin Hauf

Katrin Hauf
UX/UI Visual Design,
Digital Learning Designer
+49 (0)89 / 41 61 40 813


Die Herausforderung

Historische Seriosität und emotionale Wirkung in Einklang bringen

Die Sonderausstellung „Hexenwahn in Ellwangen“ im Schlossmuseum Ellwangen thematisiert eines der dunkelsten Kapitel der regionalen Geschichte: die systematische Verfolgung und Hinrichtung von rund 450 Menschen während der Hexenprozesse in den Jahren 1588 sowie 1611 bis 1618. Die Aufgabe bestand darin, ein Ausstellungskonzept zu entwickeln, das historische Fakten präzise vermittelt, gleichzeitig aber Besucher*innen emotional berührt und zum Nachdenken anregt. Wie lässt sich die Grausamkeit der Hexenverfolgung darstellen, ohne in Sensationalismus zu verfallen? Wie schafft man eine visuelle Sprache, die Respekt vor den Opfern zeigt und doch die Aufmerksamkeit der Betrachter*innen fesselt?

ars navigandi entwickelte gemeinsam mit dem Geschichts- und Altertumsverein Ellwangen ein narratives und gestalterisches Konzept. Das Ergebnis: zwölf Schautafeln im A0-Format, die durch Farbpsychologie, Typografie und eine klare Dramaturgie eine immersive Erfahrung schaffen – von der Angst zur Reflexion, von der Verfolgung zur Aufklärung.

Das narrative Leitmotiv

Die Ausstellung folgt einem dramaturgischen Spannungsbogen, der die Besucher*innen durch die Abgründe des Hexenwahns führt und gleichzeitig Raum für kritische Reflexion und Gedenken lässt. Das gestalterische Leitmotiv ist die Farbe Rot – Symbol für Blut und Aggression, aber auch für Warnung und Mahnung. Sie durchzieht die gesamte Ausstellung als visueller roter Faden und schafft eine atmosphärische Dichte, die die Bedrohlichkeit der damaligen Zeit erfahrbar macht.

Farbpsychologie als gestalterisches Werkzeug

Die Farbwahl ist kein Zufall, sondern ein bewusster Einsatz farbpsychologischer Wirkung:

  • Dunkles Rot (Blut, Schuld, Gefahr) – dominiert als Signalfarbe, die Zorn, Bedrohung und die Gewalt der Verfolgung symbolisiert.
  • Dunkelblau (Vergangenheit, Angst) – trennt inhaltliche Abschnitte und unterstreicht die historische Distanz.
  • Ocker / Pergament – verweist auf historische Dokumente und schafft durch negativ gesetzte Schrift eine Anmutung von vergilbten Akten und Anklageschriften.
  • Warmes Weiß / Lichtakzente – stehen für Aufklärung, Wissen und Hoffnung und setzen gezielt Kontraste.

Die Kombination dieser Farben schafft ein Spannungsfeld zwischen Bedrohung und Reflexion – die Besucher*innen werden konfrontiert, aber nicht überfordert.

Typografie: Historische Authentizität trifft auf moderne Lesbarkeit

Die Typografie spielt eine zentrale Rolle, um historische Atmosphäre und moderne Vermittlung zu verbinden:

  • Historische Serifenschrift (z. B. im Stil von Kanzleischriften des 16./17. Jh.) – wird für Zitate, Headlines und originale Textpassagen verwendet, um die Epoche greifbar zu machen.
  • Klare Sans Serif – sorgt im Fließtext für Lesbarkeit und eine zeitgemäße Ästhetik.
  • Kalligrafisches Schlüsselelement: Eine vektorisierte Anklageschrift mit aggressivem, peitschenartigem Duktus zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Rot auf rot gesetzt, wirkt sie bedrohlich und zur Auseinandersetzung anregend.

Struktur der Schautafeln

Jede der zwölf Schautafeln folgt einem einheitlichen, aber flexiblen Raster, das Orientierung bietet und gleichzeitig visuelle Abwechslung schafft. Es wurde im Rahmen weiterer Ausstellungsbereiche ins visuelle Konzept integriert.

Aufbau einer Tafel:

  • Headline – prägnant, emotional, oder als Frage formuliert
  • Einführungstext (5–7 Zeilen) – gibt einen schnellen Überblick und weckt Neugier.
  • Vertiefender Textblock – für Interessierte, die mehr wissen wollen.
  • Bildbereich – historische Stiche, Karten, Porträts oder Dokumenten, welche die Inhalte visualisieren und authentisch untermauern.
  • Fußleiste mit Marginalien – enthält Fußnoten, Zitate oder ergänzende Informationen, ohne den Haupttext zu überladen.
Ausstellung „Hexenwahn in Ellwangen“

Die 12 Stationen der Ausstellung:

  1. Einleitung: Hexenwahn in Ellwangen – Warum gerade hier?
  2. Zeitstrahl – Begrifflichkeiten und Ereignisse im historischen Kontext.
  3. Schematische Darstellung: Der standardisierte Prozess – Wie der „Hexenrat“ ab 1611 systematisch Verurteilungen herbeiführte.
  4. Verhörfragen des Kanzlers Dr. Karl Kiebler – Die Mechanismen der Folter und erzwungenen Geständnisse.
  5. Verhörprotokoll oder „Urgicht“ – Originaldokumente zeigen die Grausamkeit des Systems.
  6. Verhörfragen im Originaltext – Die Sprache der Ankläger.
  7. Transkription – Moderne Übertragung historischer Texte für besseres Verständnis.
  8. Die Rolle der Obrigkeit: Die Fürstpröpste – Wer trug Verantwortung?
  9. Herkunft der Opfer – Eine Karte visualisiert, woher die Verfolgten kamen.
  10. Opferzahlen im Umland (16.–17. Jh.) – Ellwangen im Vergleich zu Bamberg, Eichstätt und anderen Hochburgen der Hexenjagd.
  11. Gedenken und Erinnerung – Die Namen der Opfer werden sichtbar gemacht.
  12. Stammbaum: Die Geschichten zweier Familien – Wie die Verfolgung Generationen prägte.

Das gestalterische Schlüsselelement

Die Anklageschrift als roter Faden

Ein wiederkehrendes visuelles Motiv verbindet alle Tafeln: eine stilisierte, kalligrafische Anklageschrift, die wie eine Peitsche oder ein Blutstrom durch die Ausstellung läuft. Sie steht für die Anklagen, die Denunziationen, die erzwungenen Geständnisse – und wird zum Symbol für die Systematik der Verfolgung.

  • Rot auf rot gesetzt, wirkt sie zunächst wie ein verstecktes Detail, das erst bei genauerem Hinsehen seine Bedrohlichkeit entfaltet.
  • Aggressiver Duktus – die Schrift wirkt, als wäre sie in Eile oder unter Druck geschrieben worden.
  • Funktion als Bindeglied – Sie führt die Besucher*innen von Tafel zu Tafel und schafft eine narrative Kontinuität.
  • Klar strukturierte Texte und Quellen sichern den historischen Anspruch.
  • Farbdramaturgie, typografische Akzente und Bildsprache verstärken die emotionale Wirkung.
  • Besucher*innen erhalten Orientierung und zugleich Raum für Reflexion.

In Zusammenarbeit mit:

Balance finden

Die Inhalte sollten nicht nur zu visualisiert, sondern durch Storytelling im Raum erlebbar werden – und so Geschichte mit heutigen Fragen von Macht, Angst und Aufklärung zu verbinden.

Durch den bewussten Einsatz von Farbe, Typografie und Dramaturgie entsteht eine Ausstellung, die:

  • Informiert – durch präzise recherchierte Inhalte und klare Struktur.
  • Berührt – durch die farbpsychologische Wirkung und die konsequente visuelle Sprache.
  • Zum Nachdenken anregt – indem sie die Besucher*innen mit der Frage nach Schuld, Aberglauben und Gerechtigkeit konfrontiert.
  • Gedenkt – indem sie den Opfern einen Namen gibt und ihre Geschichten erzählt.

Die Ausstellung „Hexenwahn in Ellwangen“ zeigt, wie Geschichte vermittelt werden kann, ohne zu banalisieren – und wie Gestaltung dazu beiträgt, Vergangenes begreifbar zu machen.

Gefördert durch:

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